JAJ

Julia A. Jorges

Leseproben

Hochmoor, unheimlicher Roman, BLITZ-Verlag, Februar 2023

Kapitel 1
In der Tasse stand eine Pfütze kalten Tees, Krümel und verschmierte Cremereste klebten an Teller und Gabel. Die Unordnung ärgerte Olve. Normalerweise räumte er sein Geschirr sofort nach Benutzung weg, aber gestern hatte er sich nicht mehr dazu durchringen können und seine Faulheit mit der Ausrede entschuldigt, es sei schließlich sein Geburtstag. Er holte das Versäumte nach und brachte aus der Küche einen Lappen mit, um die Tischplatte zu säubern. Nachdem er sie mit dem Ärmel trocken gewischt hatte, legte er den Brief vor sich hin und strich ihn glatt. Der Absender, ein Goslarer Notariat, war ihm schon unten, im Funzellicht des Treppenhauses, aufgefallen.       Behutsam löste er die Umschlaglasche. Ein zweiter, kleinerer Brief kam zum Vorschein. Olve schlitzte ihn mit dem Brieföffner auf und entfaltete einen einzelnen Bogen. Die ungeduldige, nach rechts geneigte Schrift in schwarzer Tinte wirkte vertraut. Ein Gefühl überkam ihn, als öffnete er eine alte Truhe, die über Jahrzehnte vergessen und verstaubt auf dem Dachboden gestanden hatte.
   Hallo Olve,
schau nicht so überrascht, du weißt, ich bin unberechenbar. Deine Worte.
Aber du hast schon recht, es muss dich erstaunen, dieses unerwartete Lebenszeichen von mir. Wie alle anderen hast du natürlich angenommen, ich sei entweder durchgedreht, so ohne jede Erklärung alle Brücken hinter mir abzubrechen, oder man hätte mich verschleppt und mein verfaulender Körper läge auf dem Grund irgendeines Sees oder im Wald verscharrt. Stattdessen erfreue ich mich bester Gesundheit, physisch wie psychisch (soweit man Letzteres selbst beurteilen kann, wie du wohl anmerken würdest). Ich hätte schon früher Kontakt zu dir aufgenommen – als einzigem! –, aber meine Versuche, dich telefonisch zu erreichen, schlugen fehl. Also schreibe ich dir diesen Brief und hinterlege ihn beim Notar mit der Anweisung, dich ausfindig zu machen und ihn dir zum gegebenen Zeitpunkt zu übersenden.            Hoffentlich ist nicht dein plötzlicher Tod der Grund dafür, dass ich dich unter der Telefonnummer, die deine Mutter mir gab (ich rief unter falschem Namen an), nicht erreichte! Aber ein durch und durch vernünftiger Mensch wie du wird keine unnötigen Risiken eingehen und Sachen wie (il-)legale Drogen, teure Autos und billige Tussis meiden. Optimistisch, wie ich bin, gehe ich einfach mal davon aus, dass es den guten alten Olve auch 2023 noch gibt. Alles Gute zum Geburtstag übrigens! Irgendwann Mitte Oktober, richtig oder?
   Erinnerst du dich an die Sache auf dem Petersberg? Du hast dich geweigert, darüber zu reden, und wolltest alles vergessen, im Gegensatz zu mir. Ich bin in derselben Nacht noch mal hingegangen, allein. Es hat sich gelohnt, du glaubst nicht, wie sehr!

   Was das alles bedeutet, willst du wissen? Das ist nichts, was sich in ein paar Zeilen erklären lässt. Ich habe nicht die Geduld zum Schreiben, und außerdem läuft mir die Zeit davon. Wenn du Antworten willst, dann komm Ende Oktober nach Goslar. Such das Notariat Brinkmeier in der Bäringerstraße auf oder, falls es wider Erwarten nicht mehr existieren sollte, seinen Nachfolger. Du musst dich ausweisen, dann händigt man dir die Schlüssel zu meiner Wohnung aus. Ich werde später hinzukommen.
   Alles Weitere vor Ort. Ich freue mich auf unser Wiedersehen.
   Eins noch: Du musst UNBEDINGT spätestens am 31. Oktober in Goslar sein. Falls du immer noch so überpünktlich bist wie früher, sollte dir das nicht schwerfallen.
   Es grüßt dich herzlich
   Nihil

   Der Brief datierte auf den 31.10.2011, Briefstempel und Anschreiben des Notariats hingegen waren aktuell. Nihil lebte also, zumindest hatte sie vor zwölf Jahren noch gelebt. Wo steckte sie? Ihr plötzliches Verschwinden hatte Verwandte und Freunde in Verzweiflung gestürzt und die Polizei vor ein Rätsel gestellt. Er selbst war wenig später nach Helmstedt gezogen. Dafür hatte es mehrere Gründe gegeben, doch vor allem der Verlust seiner besten und einzigen Freundin hatte bewirkt, dass er sich in seiner Heimatstadt nicht mehr wohlfühlte. Warum nahm sie nach all der Zeit Kontakt zu ihm auf? Warum ein Notar, um ihm einen zwölf Jahre alten Brief auszuhändigen? Nihil war immer schon speziell gewesen, impulsiv, ständig unter Strom, sprühend vor verrückten, manchmal gefährlichen Ideen. Sie waren beide so unterschiedlich gewesen, aber dennoch waren sie Freunde geworden – auch wenn er nicht alle ihre Geheimnisse kannte. Längst nicht alle, wie ihm jetzt klar wurde. Sie hingegen hatte in ihm lesen können wie in einem aufgeschlagenen Buch. Im Herbst 1999 hatte er Nihil zuletzt gesehen, einige Monate nach dem Abitur, das lag vierundzwanzig Jahre zurück.
   Er wusste, ihr Brief würde ihm schlaflose Nächte bereiten. Er wusste auch, dass er ihre Einladung annehmen würde. Das Telefon läutete, er erkannte die Nummer und stellte das Rufzeichen auf lautlos. Iris war nett und sah passabel aus, aber sie redete zu viel. Manchmal kam ihm ihr Mitteilungsdrang gelegen – er glich seine Schweigsamkeit aus –, aber meist empfand er ihn als anstrengend. Gestern hatte sie ihn gelöchert, wie er seinen Geburtstag feiere. Sie hatte ihm nicht glauben können oder wollen, als er ihr mitteilte, er hielte nichts von derartigen Feiern, und ihn zu überreden versucht, in irgendeiner angesagten Bar einen Drink mit ihr zu nehmen. Natürlich hatte er abgelehnt. Seit er allein darüber bestimmte, war sein Geburtsdatum ein gewöhnlicher Tag für ihn, an dem er sich als einzige Besonderheit alljährlich ein Stück Sahnetorte gönnte. Ein bisschen freute er sich dennoch darüber, dass Nihil in ihrem Schreiben daran gedacht hatte.
   Gedankenverloren starrte er weiter auf den Brief, dessen Inhalt er längst auswendig kannte. Kurzfristig Urlaub genehmigt zu bekommen, würde schwierig werden. Notfalls musste er krankfeiern, obwohl sich alles in ihm dagegen sträubte. Auch wenn der Job lachhaft war. Was Nihil wohl dazu sagen würde, sähe sie ihn im Rewe-Markt an der Kasse sitzen. Er, der sein Abitur mit 1,2 bestanden hatte, als Jahrgangsbester. Es wäre ein glatter Einserschnitt gewesen, hätte der Baustellenlärm von draußen nicht seine Konzentration beeinträchtigt.
Die Sache auf dem Petersberg. Selbstverständlich erinnerte er sich daran, wie hätte er je ihr seltsames Verhalten an diesem letzten Abend vergessen können? Monate-, ach was, jahrelang hatte es ihn verfolgt und immer wieder nach einem Zusammenhang suchen lassen, ohne Erfolg. Bilder stiegen in ihm auf. Szenen, von seinem Gehirn akkurat gespeichert und in einem speziellen Zimmer abgelegt. Staub hatte sich auf Fußboden und Möbeln gesammelt, aber wenn er ihn beiseite wischte, war alles da, exakt und vollständig, und es erschreckte ihn mehr, als er geahnt hätte, weil es tief in ihm etwas aufwühlte.
Kapitel 8 (Auszug)
Abrupt endete der Rundbohlenweg und ging in einen grasbewachsenen, flach aufgeschütteten Damm über. Olve war gezwungen, seine Schritte mit mehr Bedacht zu setzen, denn zu beiden Seiten rückte das Moor dicht an ihn heran. Auf dem federnden Boden schritt er weiter, tiefer hinein in das Herz der urwüchsigen Landschaft. Geraume Zeit, nachdem die Kirchturmspitze hinter ihm im Nebel versunken war, machte er in einiger Entfernung vor sich einen dunklen Umriss aus, der sich mehrere Meter über der sumpfigen Fläche erhob.    Für Sekunden zerriss der Nebelvorhang und enthüllte einen Kreis aus aufgestellten Steinen, der die Kuppe eines Hügels krönte. Während er auf die Erhebung zuschritt, bemerkte er, dass sich der Damm an mehreren Stellen verzweigte; der Hauptweg indes lief geradlinig auf den Hügel zu, sodass es nicht schwerfiel, ihn als solchen zu erkennen.
   Binnen Kurzem erreichte Olve den fünf oder sechs Meter hohen Hügel, dessen gleichmäßige, runde Form auf menschengemachten Ursprung hinwies, und stieg hinauf. Sieben nicht ganz mannshohe Megalithe bildeten einen unvollständigen Dolmen, in dessen Zentrum ein einzelner, oben abgeflachter Fels kniehoch aus dem Erdreich ragte. Die senkrecht aufgestellten Steine ringsum waren grob behauen und mit einfachen Symbolen – Kreise, Spiralen, Wellenlinien – verziert. Jahrhundert-, wenn nicht jahrtausendelange Verwitterung hatte im Zusammenspiel mit Flechten und Moosen viele der Zeichen unkenntlich gemacht, aber einige konnte Olve ausmachen, die sich mehrfach wiederholten, darunter ein gleichseitiges Dreieck, von dessen Spitze Striche oder Strahlen ausgingen. Zweifellos eine Anlage mit kultischer Bedeutung, wobei der fast zwei Meter lange Mittelstein möglicherweise als Opferaltar gedient hatte. Seine nahezu plane Oberseite war frei von Moosbewuchs, er wies auch keine Ritzzeichnungen auf. Olve fuhr mit den Fingern über die glatte Fläche. Unversehens erfasste ihn ein Schauder, und er wich zurück, als hätte er ein Sakrileg begangen. Er sollte nicht hier sein, etwas Weihevolles und Unheimliches lag über dem Ort, der sich wie eine Insel aus dem Meer aus Sumpf und Nebel emporhob.
   Ein Laut durchdrang gewaltsam die Stille, ein lang anhaltendes Dröhnen, das wie das Schlagen eines riesigen Gongs klang und aus keiner bestimmten Richtung kam. Es brachte Knochen und Organe zum Vibrieren und ließ die Sumpflandschaft erzittern. Olves Magen rebellierte gegen den durchdringenden tiefen Ton, sein Blick verschwamm und er suchte Halt an dem nächsten der Monolithen.
   Endlich ließ das Dröhnen nach, Olves Blick klärte sich. Als er zum Zentrum der Steinsetzung blickte, griff eisiger Schrecken nach seinem Herzen. Auf dem Altarstein lag eine bleiche Gestalt. Eine Frau, die Haut ihres nackten Leibes war feucht, das schulterlange blonde Haar geschmückt mit Nebel wie feinen Spinnfäden, Tautropfen an ihren Wimpern, sie perlten wie Tränen die Wangen hinab. Nihil? Aus trockener Kehle krächzte Olve ihren Namen. Er beugte sich über sie, suchte ihre Halsschlagader und fand einen schläfrigen Puls.
   Etwas Kaltes, Feuchtes berührte die Hand, mit der er sich auf der steinernen Fläche abstützte. Was zuvor frei von Moos gewesen war, wurde nun wie im Zeitraffer erobert von einem grünen Teppich. Verblüfft lenkte Olve den Blick zum Boden. Junge Moospflänzchen quollen zwischen Erdreich und Stein empor, ergriffen Besitz von dem Felsen und bildeten rasch üppige Polster. Sein Erstaunen verwandelte sich in neuerliches Entsetzen, als er erkannte, dass das pflanzliche Wachstum nicht Halt machte vor dem Körper der Schlafenden. Wo immer dieser den Stein berührte, reckten sich winzige Triebe empor und fassten Fuß in den Poren der Haut. Olve ergriff die Schultern der Frau, um sie wachzurütteln, riss die Verbindungen durch, die das Moos zwischen Körper und Stein gewoben hatte. Als sie noch immer nicht reagierte, nahm er ihr Gesicht in beide Hände, strich über ihre Wangen und musste feststellen, dass das Moos bereits die von ihm abgewandte Seite ihres Gesichts überzog.
   Sie zu wecken schien unmöglich, er musste sie von hier fortschaffen. Gewaltsam trachtete er danach, sie aus dem tausendfachen Griff des Mooses zu befreien. Doch sobald er einen Teil ihres Körpers gelöst hatte und sich dem nächsten zuwandte, wurde der befreite binnen Sekunden aufs Neue eingewoben in das Gespinst feiner grüner Fasern. Dennoch ließ er nicht ab in seinem Bemühen, alsbald keuchte er und das Hemd klebte ihm nass von Schweiß am Körper. Unter gewaltiger Anstrengung bekam er ihren rechten Arm frei, zerrte daran, hoffend, sie auf diese Weise von dem Altarstein herunterzuziehen. Ein Ruck, er fiel hintüber. Mit Grauen erkannte er, dass er ihren Arm aus dem Schultergelenk gerissen hatte. Statt Blut troff klebriger Pflanzensaft aus dem Stumpf. Der Arm selbst fühlte sich schwammig und schlaff an wie lange abgestorbenes Gewebe.
   Voller Abscheu warf er das losgelöste Körperteil von sich, stierte hinüber zum Opferstein. Das tote Ding darauf war kaum noch als menschliches Wesen zu erkennen, war fest verwachsen mit dem Untergrund durch einen dichten Überzug aus graugrünem Torfmoos, das Olves Hirn selbst in der beängstigenden Situation als Sphagnum girgensohnii  identifizierte. Dort, wo der Bewuchs Lücken aufwies, schimmerte bläulich aufgequollene Haut durch.
Erneut dröhnte der furchtbare Gong. Olve suchte sein Gehör mit den Händen zu schützen, doch das Dröhnen war überall, in seinem Innern wie in der Luft und dem Moor, dessen Oberfläche kleine Wellen bildete. Im Boden unter seinen Füßen und in dem bemoosten Leichnam, der wie Gelee erzitterte. Selbst die uralten Megalithe erbebten. Für einen Moment schwand Olves Bewusstsein. Als das ärgste Dröhnen abgeebbt war, fand er sich kniend vor dem Altar wieder. Er kam schwankend hoch, und nach einem kurzen Blick auf den flachen Stein, den ein an manchen Stellen andeutungsvoll gewölbter Moosüberzug bedeckte, eilte er mit noch unsicheren Schritten den Hügel hinunter.
   Gerade erst hatte er den Dammweg betreten, als ihm auffiel, dass die Unruhe, welche die Tümpel im Moor erfasst hatte, nicht nachließ, obwohl das unheimliche Dröhnen längst verklungen war. An zahlreichen Stellen bildete das schwarze Wasser Wirbel, Blasen stiegen empor und zerplatzen, üblen Geruch nach Fäulnis verströmend. Etwas brach aus der Tiefe durch die Wasseroberfläche. Halb skelettierte Hände wühlten sich durch den Moosteppich, Schädel tauchten daraus auf, überzogen von ledriger Haut, dunkel wie das Wasser, das sie ausspie. Körper zogen sich an den Rändern der Furt empor und begannen langsam, in entsetzlicher Zielstrebigkeit, auf Olve zuzukriechen. Schwarzer Morast bedeckte das im sauren Milieu des Moors erhaltene Haut- und Muskelgewebe, blinde, weiße Augen fixierten den Eindringling.

E-Book



Taschenbuch



"Zweierlei Blut", Zwielicht 18 

Wir waren siebzehn, als wir Rhena kennenlernten. An einem Montagmorgen stand sie vor Beginn der ersten Stunde neben dem Lehrertisch.
   „Wer ist die?“, fragte Marie neugierig, als ob ich über die Neue Bescheid wüsste. Die tat mir leid, wie sie so dastand und auf ihre Fußspitzen starrte. Sie würde es schwer haben, gab geradezu die perfekte Zielscheibe für Mobbing ab. Die weite Kleidung kaschierte ihre gebückte Körperhaltung nur wenig. Mit ihren hochgezogenen Schultern, dem vorgestreckten Kopf, hinter dem sich die voluminöse Kapuze einer angesichts des wolkenlosen Himmels total überflüssigen Regenjacke bauschte, hatte sie etwas von einer Schildkröte. Dünnes schulterlanges Haar, dazu ein breites Gesicht, das sie ein bisschen beschränkt aussehen ließ.

Weiterlesen
 

Zwielicht 18 kaufen


Glutsommer, Mystery-Thriller, BLITZ-Verlag, Mai 2022: Leseprobe hier

E-Book


Taschenbuch



"Panta rhei – alles fließt" (Zwielicht Classic 17):

Des Druckgefühls auf meiner Brust gewahr werdend, drehte ich den Kopf aus seiner angespannten Position in die Mitte. Ich blickte in die fahlgrün leuchtenden Augen von Rufus.
   „Kater“, wisperte ich. Warum auch immer hatte ich mich nicht an den Namen gewöhnt, mit dem meine Eltern ihn riefen. Nicht dass es darauf gehört hätte. Wie er jeden Abend in mein Zimmer gelangte, war mir schleierhaft, denn ich hielt meine Tür stets geschlossen. Dass er seinen üblichen Platz am Fußende des Bettes aufgegeben hatte, um sich auf mir niederzulassen, gefiel mir nicht, ebenso wenig dieses durchdringende Starren, durch kein Blinzeln katzenhafter Freundschaft gemildert. Kein Schnurren vibrierte in seiner Kehle. Nicht Schmuselaune hatte ihn meine Nähe suchen lassen, etwas anderes musste der Grund sein.
   Ob es an dem hypnotischen Einfluss seiner Augen lag, an meiner Schlaftrunkenheit oder den Nachwirkungen meines Traums – ich lag still und wartete. Jäh wurde mir das bewusst, nur, worauf wartete ich? Vor dem Haus herrschte Stille. Wir wohnten in einer Nebenstraße, die nachts kaum frequentiert wurde. Jedoch lag in Hörweite eine größere Ampelkreuzung, von der für gewöhnlich das Geräusch anfahrender Autos mit einer gewissen Regelmäßigkeit herüberdrang. Davon war jetzt nichts zu hören, aber immerhin vernahm ich das beruhigende leise Brummen des Kühlschranks aus der Küche. Der Wind hatte seit dem Abend zugenommen und bewegte die Zweige des Ahorns, die über die Hauswand schabten. Bei Sturm klang es, als kratzten Riesen mit Krallenhänden über den Putz.  
   Hinter dem Fußende meines Bettes malte der ins Zimmer fallende Schein der Straßenbeleuchtung im Verein mit dem Mondlicht – Vollmond war erst zwei Tage vorüber und die Nacht sternenklar – Muster aus zitternden Schatten an die Wand. Streifen von der Jalousie, gemischt mit Flecken, Linien und Kringeln aus dem Gezweig des Baumes.  
   Ich atmete tief ein, beobachtete, wie der Kater dadurch angehoben wurde und wieder ein Stückchen absank, als ich die Luft aus meinen Lungen entließ, ohne sich daran zu stören. Mein Zimmer umgab mich, die vertrauten Laute unserer Wohnung, dennoch schien die Welt auf mich und das Katzentier geschrumpft. Ich fühlte mich zu träge, um Schrecken zu empfinden.
   Fast unmerklich veränderte sich das Muster an der Wand. Gerade Linien setzten sich gegenüber geschwungenen Formen durch, schmale Lichtbänder durchbrachen den Schatten. Je weiter die Veränderung fortschritt, umso mehr glich sich das Verhältnis von Hell und Dunkel an. Schwarze Streifen auf weißer Leinwand. Die Jalousie? Ich drehte den Kopf und fand die Lamellen geschlossen. Die Helligkeit hatte ihren Ursprung nicht außerhalb, entstammte der Wand selbst. Die verzerrte Schattenkontur des Fensters verschob sich, wurde zum regelmäßigen Viereck, das einen Großteil der Wand bedeckte. Silbrige, matt glänzend.
   Die geistige Taubheit wich, Angst erfüllte mich. Starr lag ich da, der Kater mit mir. Aus dem Bett springen – fliehen – konnte ich nicht, es kostete mich gewaltige Anstrengung, auch nur den Kopf zu wenden. Endlich gelang es mir. Da sah ich, dass das Muster überall war, an den Wänden, am Kleiderschrank, am Boden und an der Zimmerdecke, die sich unerwartet dicht über mir spannte.
   Der Kater verlagerte sein Gewicht auf meiner Brust, streckte eine rotbepelzte Pfote vor, legte sie auf die Kuhle zwischen Schlüsselbein und Halsansatz. Seine Augen, eben noch groß und starr, verschmälerten sich zum Blinzeln. Warum war er geblieben? Ich hegte  keinen Zweifel, dass er gespürt hatte, was vor sich ging, lange bevor ich es tat. Es hatte den Anschein, als wolle er mich begleiten auf meiner Reise.

...

Zwielicht Classic 17 kaufen:

Taschenbuch



E-Book



Horror-Kurzgeschichte "Symbiose" ist PAN-Kurzgeschichte-des-Monats (Juli 2022)

Komplette Story auf Zauberwelten-Online.de lesen.


"Im Bus" (Zwielicht 16):

„Morgen“, brumme ich, zeige meine Monatskarte.

Der Busfahrer ist jung und ich kenne ihn nicht. Umweht von seinem aufdringlichen Aftershave zwänge ich mich durch die Schranke. Der Geruch verleidet mir den gewohnten Sitzplatz hinter der Trennscheibe. Vielleicht soll er eine Fahne überdecken, immerhin hat gestern Deutschland gespielt und das Achtel verloren. Mich tangiert das nicht, ich interessiere mich nicht für Sport, weder welchen zu treiben noch als Zuschauer.

Routiniert scannt mein Blick den Bus. Im Viererplatz rechts sitzt ein alter Mann, eher schon ein Greis, er hält einen Gehstock und starrt in die anbrechende Dämmerung. Als ich vorbeigehe, hebt er den Kopf. Seine auf mich gerichteten Augen sind verschiedenfarbig und stechend, sie passen nicht zu der zerbrechlichen urgroßväterlichen Erscheinung.

Komplette Leseprobe ansehen

Zwielicht 16 kaufen:

Amazon, epubli

Rezension zu Zwielicht 12 und Auszug meiner Geschichte "Diese verfluchten kleinen Dinge" (2018): HIER klicken.

"Wo deine Schuld vergeben ist" erreichte 2018 beim Vincent Preis den 2. Platz unter mehr als 300 Kurzgeschichten, die im Vorjahr in den Bereichen Dunkle Phantastik und Horror erschienen waren. Im Fantasyguide kann man die komplette Story lesen.

Textauszug aus "Die Absonderung", in: Wenn die Welt klein wird und bedrohlich. Schreiben aus der Corona-Isolation, Blitz-Verlag, November 2020:

Am Freitag, den 20. März 2020 wurde ich unter häusliche Quarantäne gestellt. Frühlingsanfang, ein kalter, klarer Tag, der mies begann, indem mich ein Trottel in seiner SUV-Familienkutsche (zwei unbesetzte Kindersitze) in einen Auffahrunfall verwickelte, und passenderweise mit der Aussicht endete, für die nächsten zwei Wochen auf direkten Kontakt zu den lieben Mitmenschen zu verzichten. Infolge besagten Unfalls kam ich zu spät zum wöchentlichen Meeting, anschließend erfuhr ich, dass ein wichtiger Kunde abgesprungen war und mein Vorgesetzter indirekt mich dafür verantwortlich machte. Kurz vor Feierabend erreichte mich dann der Anruf einer Doktor Krause, die sich als Mitarbeiterin des örtlichen Gesundheitsamtes vorstellte. Auf dem Rückflug von meinem Termin in München Anfang der Woche hätte ich neben einer Person gesessen, die mit dem SARS-CoV-2-Erreger infiziert war, was meine sofortige Absonderung erforderlich machte. Auch sollte ich sämtliche engeren Kontakte für die dazwischenliegende Zeit auflisten. Mit dieser Hausaufgabe im Gepäck verabschiedete ich mich von Chef und Kollegen, die mich mitleidig bis misstrauisch musterten, sich wahrscheinlich fragend, ob ich sie angesteckt hätte. Falls ich denn krank war. (...)

Ich nickte ein, und als ich erwachte, herrschte beinahe nächtliche Dunkelheit im Wohnzimmer, dabei war es erst kurz nach sieben, wie die Anzeige des Nachrichtensenders verriet. Der Nebel, erinnerte ich mich. In dichten Schwaden drängte er gegen die noch vorhanglose Tür und das benachbarte, ebenso nackte Fenster. Ich raffte mich auf, ging hinüber und sah – nichts. Nichts als graue Nebelsuppe, durch die ich den Balkon nur mehr erahnen konnte, der wie der Bug eines Geisterschiffs ins Nebelmeer ragte. Ich öffnete die Tür und nahm einen merkwürdigen, leicht stechenden Geruch wahr, der mir das Horrorszenario eines Chemieunfalls vor Augen rief, und schnell schloss ich sie wieder. Vielleicht würde der lokale Radiosender etwas dazu bringen. Ich stellte das Gerät in der Küche an und beobachtete weiter den Nebel. Eine diffuse Wand, deren Vorläufer fetzengleich herantrieben und sich in den kahlen Zweigen der Birke und des Ahorns verfingen, die auf dem verwaisten Gemeinschaftsgarten wuchsen. Die Wipfel der hohen Fichten und Kiefern des angrenzenden Grundstücks hatte sie bereits verschlungen und kroch nun die dunklen Stämme hinunter, während Nebelfinger sich durch den Maschendrahtzaun und über den kurz geschorenen Rasen tasteten. (...)

3. April, morgens, HEUTE: Zwei Wochen in häuslicher Absonderung. Niemand ist gekommen. Sofort nach dem Aufwachen sehe ich, dass der Nebel das Wohnzimmer erreicht hat und den Fernseher umwabert. Die Tür zum Flur finde ich blockiert wie zuvor schon die Fenster, als ich, jede Vorschrift für null und nichtig erklärend, beschließe, mich mittels unverzüglicher Flucht aus der Wohnung in Sicherheit zu bringen. Irgendwann, es mag fünf Minuten her sein oder fünfzig, gebe ich das Rütteln an der Klinke auf, kehre zurück zu meiner Matratze und ergreife das Telefon. Rauschen und Knistern in der Leitung, als ich Doktor Krauses Nummer eintippe, wozu ich mehrere Anläufe brauche, nicht anders verhält es sich mit der Notrufnummer. Meine letzte Verbindung zur Außenwelt – gekappt. Das stumme Telefon entgleitet meinen Händen, voller Abscheu starre ich darauf, während ich mich fester in meine Bettdecke wickle. Die ganze Zeit über friere ich erbärmlich, wenn mir nicht gerade der Schweiß ausbricht. Die Flasche mit dem Gin ist längst geleert, dafür verspüre ich einen Druck auf der Blase, der mir ins Gedächtnis ruft, dass nun auch das Bad unerreichbar ist.

Aber das ist mein geringstes Problem. Von der Flurtür her quillt ebenfalls Nebel ins Zimmer, von allen Seiten rückt er heran, so als diffundiere er durch die Wände. Die Tapeten verschwinden unter der hellgrauen wattigen Substanz, die aussieht, als sei sie mit Händen greifbar, und die sowohl Kälte als auch diesen undefinierbaren, leicht stechenden Geruch verströmt, der mir zu Anfang auffiel, den ich später jedoch kaum mehr bemerkte. Jetzt, da seine Quelle sich in unmittelbarer Nähe befindet, ist er intensiv und besitzt eine sowohl Psyche wie Atmungsorgane irritierende Wirkung. Mein Hals ist rau und wund, und jeder Atemzug fühlt sich an, als inhalierte ich feine Sandkörner, die wie Schmirgelpapier über die empfindlichen Schleimhäute streichen. Ich habe einen trockenen Husten entwickelt. (...)

Leseproben aus meinem Kinder-Fantasy-Roman Späterland: HIER und HIER klicken. 

Leseprobe aus meinem Urban-Fantasy-Roman Wandelseele: HIER klicken. Zur Online-Lesung geht es HIER.


Weitere literarische Kostproben folgen in Kürze.