JAJ

Julia A. Jorges

Leseproben

"Die Absonderung", in: Wenn die Welt klein wird und bedrohlich. Schreiben aus der Corona-Isolation, Blitz-Verlag, November 2020:

Am Freitag, den 20. März 2020 wurde ich unter häusliche Quarantäne gestellt. Frühlingsanfang, ein kalter, klarer Tag, der mies begann, indem mich ein Trottel in seiner SUV-Familienkutsche (zwei unbesetzte Kindersitze) in einen Auffahrunfall verwickelte, und passenderweise mit der Aussicht endete, für die nächsten zwei Wochen auf direkten Kontakt zu den lieben Mitmenschen zu verzichten. Infolge besagten Unfalls kam ich zu spät zum wöchentlichen Meeting, anschließend erfuhr ich, dass ein wichtiger Kunde abgesprungen war und mein Vorgesetzter indirekt mich dafür verantwortlich machte. Kurz vor Feierabend erreichte mich dann der Anruf einer Doktor Krause, die sich als Mitarbeiterin des örtlichen Gesundheitsamtes vorstellte. Auf dem Rückflug von meinem Termin in München Anfang der Woche hätte ich neben einer Person gesessen, die mit dem SARS-CoV-2-Erreger infiziert war, was meine sofortige Absonderung erforderlich machte. Auch sollte ich sämtliche engeren Kontakte für die dazwischenliegende Zeit auflisten. Mit dieser Hausaufgabe im Gepäck verabschiedete ich mich von Chef und Kollegen, die mich mitleidig bis misstrauisch musterten, sich wahrscheinlich fragend, ob ich sie angesteckt hätte. Falls ich denn krank war. (...)

Ich nickte ein, und als ich erwachte, herrschte beinahe nächtliche Dunkelheit im Wohnzimmer, dabei war es erst kurz nach sieben, wie die Anzeige des Nachrichtensenders verriet. Der Nebel, erinnerte ich mich. In dichten Schwaden drängte er gegen die noch vorhanglose Tür und das benachbarte, ebenso nackte Fenster. Ich raffte mich auf, ging hinüber und sah – nichts. Nichts als graue Nebelsuppe, durch die ich den Balkon nur mehr erahnen konnte, der wie der Bug eines Geisterschiffs ins Nebelmeer ragte. Ich öffnete die Tür und nahm einen merkwürdigen, leicht stechenden Geruch wahr, der mir das Horrorszenario eines Chemieunfalls vor Augen rief, und schnell schloss ich sie wieder. Vielleicht würde der lokale Radiosender etwas dazu bringen. Ich stellte das Gerät in der Küche an und beobachtete weiter den Nebel. Eine diffuse Wand, deren Vorläufer fetzengleich herantrieben und sich in den kahlen Zweigen der Birke und des Ahorns verfingen, die auf dem verwaisten Gemeinschaftsgarten wuchsen. Die Wipfel der hohen Fichten und Kiefern des angrenzenden Grundstücks hatte sie bereits verschlungen und kroch nun die dunklen Stämme hinunter, während Nebelfinger sich durch den Maschendrahtzaun und über den kurz geschorenen Rasen tasteten. (...)

3. April, morgens, HEUTE: Zwei Wochen in häuslicher Absonderung. Niemand ist gekommen. Sofort nach dem Aufwachen sehe ich, dass der Nebel das Wohnzimmer erreicht hat und den Fernseher umwabert. Die Tür zum Flur finde ich blockiert wie zuvor schon die Fenster, als ich, jede Vorschrift für null und nichtig erklärend, beschließe, mich mittels unverzüglicher Flucht aus der Wohnung in Sicherheit zu bringen. Irgendwann, es mag fünf Minuten her sein oder fünfzig, gebe ich das Rütteln an der Klinke auf, kehre zurück zu meiner Matratze und ergreife das Telefon. Rauschen und Knistern in der Leitung, als ich Doktor Krauses Nummer eintippe, wozu ich mehrere Anläufe brauche, nicht anders verhält es sich mit der Notrufnummer. Meine letzte Verbindung zur Außenwelt – gekappt. Das stumme Telefon entgleitet meinen Händen, voller Abscheu starre ich darauf, während ich mich fester in meine Bettdecke wickle. Die ganze Zeit über friere ich erbärmlich, wenn mir nicht gerade der Schweiß ausbricht. Die Flasche mit dem Gin ist längst geleert, dafür verspüre ich einen Druck auf der Blase, der mir ins Gedächtnis ruft, dass nun auch das Bad unerreichbar ist.

Aber das ist mein geringstes Problem. Von der Flurtür her quillt ebenfalls Nebel ins Zimmer, von allen Seiten rückt er heran, so als diffundiere er durch die Wände. Die Tapeten verschwinden unter der hellgrauen wattigen Substanz, die aussieht, als sei sie mit Händen greifbar, und die sowohl Kälte als auch diesen undefinierbaren, leicht stechenden Geruch verströmt, der mir zu Anfang auffiel, den ich später jedoch kaum mehr bemerkte. Jetzt, da seine Quelle sich in unmittelbarer Nähe befindet, ist er intensiv und besitzt eine sowohl Psyche wie Atmungsorgane irritierende Wirkung. Mein Hals ist rau und wund, und jeder Atemzug fühlt sich an, als inhalierte ich feine Sandkörner, die wie Schmirgelpapier über die empfindlichen Schleimhäute streichen. Ich habe einen trockenen Husten entwickelt. (...)


Weitere literarische Kostproben folgen in Kürze.