JAJ

Julia A. Jorges

Leseproben

"Im Bus" (Zwielicht 16):

„Morgen“, brumme ich, zeige meine Monatskarte.

Der Busfahrer ist jung und ich kenne ihn nicht. Umweht von seinem aufdringlichen Aftershave zwänge ich mich durch die Schranke. Der Geruch verleidet mir den gewohnten Sitzplatz hinter der Trennscheibe. Vielleicht soll er eine Fahne überdecken, immerhin hat gestern Deutschland gespielt und das Achtel verloren. Mich tangiert das nicht, ich interessiere mich nicht für Sport, weder welchen zu treiben noch als Zuschauer.

Routiniert scannt mein Blick den Bus. Im Viererplatz rechts sitzt ein alter Mann, eher schon ein Greis, er hält einen Gehstock und starrt in die anbrechende Dämmerung. Als ich vorbeigehe, hebt er den Kopf. Seine auf mich gerichteten Augen sind verschiedenfarbig und stechend, sie passen nicht zu der zerbrechlichen urgroßväterlichen Erscheinung.

Ich mache, dass ich weiterkomme, rutsche auf die Bank hinter dem anderen Vierer, wo ich niemanden direkt vor oder hinter mir habe, und krame in meinem Rucksack nach der Sonnenbrille. Der wolkenlose Himmel – die Androhung eines weiteren heißen Sommertages. Ich setze die Brille auf und lehne mich zurück. Bis zum Berliner Platz habe ich Ruhe, sofern nicht das Baby im Kinderwagen loslegt, der gegenüber dem Ausstieg steht. Auf der Bank hinter der gepolsterten Stange sitzt die Mutter. Als ich sie eben ansah, fummelte sie an ihrem Handy herum, ihr Gesicht konnte ich nicht erkennen, weil ihr ungekämmtes Haar es verdeckte. Warum ist sie so früh unterwegs?

Ich überlege auch, was das Fahrziel der überstylten Frau Mitte bis Ende fünfzig schräg hinter der jungen Mutter sein mag. Ist das Kostüm, das in Anbetracht der zu erwartenden Hitze unangemessen wirkt, ihr normales Arbeitsoutfit oder will sie irgendwo Eindruck schinden? Ihr Gesicht wirkt maskenhaft, was an dem starken Make-up liegt, aber nicht nur. Bei dem Typen mit Basecap, der breitbeinig, Kette um den Hals und Kopfhörer im Ohr, in der letzten Reihe sitzt, ist die Sache klar, der will zur Oberschule, die haben mittwochs eine nullte Stunde. Er ist nur ein paar Jahre jünger als ich, und wenn ich mit meiner Vermutung seinen Musikgeschmack betreffend richtigliege, bin ich froh, dass nichts davon nach außen dringt. Obwohl er kein bisschen Ähnlichkeit mit Quentin hat, muss ich an ihn denken.

Mein Magen grummelt, weil ich noch nicht gefrühstückt habe, und mir fällt auf, dass ich an meinem Unterarm herumkratze. Ein Batzen Schorf fällt auf die Hose, ich schnippe ihn auf den Boden. Es blutet etwas, deshalb presse ich den Arm gegen den Körper. Auf schwarzen Klamotten sieht man Blutflecken nicht. Es sei denn, es ist sehr viel Blut.

Der Bus bremst ab und biegt in den Hohen Weg ein, statt auf der Hauptstraße zu bleiben. Na wunderbar, der neue Fahrer kennt nicht mal die Route, diesen Umweg fährt der 431er nur nach zwanzig Uhr und an Sonn- und Feiertagen. Meine Finger wollen schon wieder an den Krusten der halb verheilten Schnitte pulen, also verschränke ich sie. Ich darf den Zug nicht verpassen.

Die nächste Haltestelle kommt in Sicht, ein Mann wartet. Bestimmt nicht auf diese Linie, es ist schließlich wochentags und er konnte nicht wissen, dass der Fahrer falsch abbiegen wird.

Aber der Bus hält und der Wartende steigt ein. Aktentasche, kurzärmeliges Hemd mit Krawatte und jetzt schon Schweißflecken unter den Achseln. Er ist schlank, sein Gesicht unter der Stirnglatze gerötet wie vom Rennen. Er knallt die Tasche auf den Fensterplatz des freien Vierers vor mir und lässt sich daneben fallen. Weil er entgegen der Fahrtrichtung sitzt, haben wir direkte Sicht aufeinander.

Ich wende den Blick ab und schaue hinaus auf die vorüberziehenden Einfamilienhäuser, hinter denen die Dämmerung es nicht eilig hat. Meine Gedanken verweilen bei dem neu Eingestiegenen, bei seinem gehetzten und gleichzeitig traurigen Gesichtsausdruck. Der muss eine üble Nacht hinter sich haben, vielleicht Streit mit der Frau, oder es wartet Ärger auf der Arbeit. Ich bin ihm im Bus noch nie begegnet und wenn ich’s mir recht überlege, auch den zwei Frauen und dem Alten nicht. Nur den Jugendlichen mit dem Basecap habe ich schon einige Male gesehen.

Meine Hände, die wie zum Gebet gefaltet – ha, an welchen inkompetenten Gott sollte ich das richten – auf dem Schoß liegen, verkrampfen sich ineinander. Ich löse die Finger und spiele mit dem Armband. Lasse es flitschen und stelle mir Quentin vor, seinen Gesichtsausdruck zuletzt.

...


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Rezension zu Zwielicht 12 und Auszug meiner Geschichte "Diese verfluchten kleinen Dinge" (2018): HIER klicken.

"Wo deine Schuld vergeben ist" erreichte 2018 beim Vincent Preis den 2. Platz unter mehr als 300 Kurzgeschichten, die im Vorjahr in den Bereichen Dunkle Phantastik und Horror erschienen waren. Im Fantasyguide ist die komplette Story nachzulesen (Link zum Fantasyguide).

Textauszug aus "Die Absonderung", in: Wenn die Welt klein wird und bedrohlich. Schreiben aus der Corona-Isolation, Blitz-Verlag, November 2020:

Am Freitag, den 20. März 2020 wurde ich unter häusliche Quarantäne gestellt. Frühlingsanfang, ein kalter, klarer Tag, der mies begann, indem mich ein Trottel in seiner SUV-Familienkutsche (zwei unbesetzte Kindersitze) in einen Auffahrunfall verwickelte, und passenderweise mit der Aussicht endete, für die nächsten zwei Wochen auf direkten Kontakt zu den lieben Mitmenschen zu verzichten. Infolge besagten Unfalls kam ich zu spät zum wöchentlichen Meeting, anschließend erfuhr ich, dass ein wichtiger Kunde abgesprungen war und mein Vorgesetzter indirekt mich dafür verantwortlich machte. Kurz vor Feierabend erreichte mich dann der Anruf einer Doktor Krause, die sich als Mitarbeiterin des örtlichen Gesundheitsamtes vorstellte. Auf dem Rückflug von meinem Termin in München Anfang der Woche hätte ich neben einer Person gesessen, die mit dem SARS-CoV-2-Erreger infiziert war, was meine sofortige Absonderung erforderlich machte. Auch sollte ich sämtliche engeren Kontakte für die dazwischenliegende Zeit auflisten. Mit dieser Hausaufgabe im Gepäck verabschiedete ich mich von Chef und Kollegen, die mich mitleidig bis misstrauisch musterten, sich wahrscheinlich fragend, ob ich sie angesteckt hätte. Falls ich denn krank war. (...)

Ich nickte ein, und als ich erwachte, herrschte beinahe nächtliche Dunkelheit im Wohnzimmer, dabei war es erst kurz nach sieben, wie die Anzeige des Nachrichtensenders verriet. Der Nebel, erinnerte ich mich. In dichten Schwaden drängte er gegen die noch vorhanglose Tür und das benachbarte, ebenso nackte Fenster. Ich raffte mich auf, ging hinüber und sah – nichts. Nichts als graue Nebelsuppe, durch die ich den Balkon nur mehr erahnen konnte, der wie der Bug eines Geisterschiffs ins Nebelmeer ragte. Ich öffnete die Tür und nahm einen merkwürdigen, leicht stechenden Geruch wahr, der mir das Horrorszenario eines Chemieunfalls vor Augen rief, und schnell schloss ich sie wieder. Vielleicht würde der lokale Radiosender etwas dazu bringen. Ich stellte das Gerät in der Küche an und beobachtete weiter den Nebel. Eine diffuse Wand, deren Vorläufer fetzengleich herantrieben und sich in den kahlen Zweigen der Birke und des Ahorns verfingen, die auf dem verwaisten Gemeinschaftsgarten wuchsen. Die Wipfel der hohen Fichten und Kiefern des angrenzenden Grundstücks hatte sie bereits verschlungen und kroch nun die dunklen Stämme hinunter, während Nebelfinger sich durch den Maschendrahtzaun und über den kurz geschorenen Rasen tasteten. (...)

3. April, morgens, HEUTE: Zwei Wochen in häuslicher Absonderung. Niemand ist gekommen. Sofort nach dem Aufwachen sehe ich, dass der Nebel das Wohnzimmer erreicht hat und den Fernseher umwabert. Die Tür zum Flur finde ich blockiert wie zuvor schon die Fenster, als ich, jede Vorschrift für null und nichtig erklärend, beschließe, mich mittels unverzüglicher Flucht aus der Wohnung in Sicherheit zu bringen. Irgendwann, es mag fünf Minuten her sein oder fünfzig, gebe ich das Rütteln an der Klinke auf, kehre zurück zu meiner Matratze und ergreife das Telefon. Rauschen und Knistern in der Leitung, als ich Doktor Krauses Nummer eintippe, wozu ich mehrere Anläufe brauche, nicht anders verhält es sich mit der Notrufnummer. Meine letzte Verbindung zur Außenwelt – gekappt. Das stumme Telefon entgleitet meinen Händen, voller Abscheu starre ich darauf, während ich mich fester in meine Bettdecke wickle. Die ganze Zeit über friere ich erbärmlich, wenn mir nicht gerade der Schweiß ausbricht. Die Flasche mit dem Gin ist längst geleert, dafür verspüre ich einen Druck auf der Blase, der mir ins Gedächtnis ruft, dass nun auch das Bad unerreichbar ist.

Aber das ist mein geringstes Problem. Von der Flurtür her quillt ebenfalls Nebel ins Zimmer, von allen Seiten rückt er heran, so als diffundiere er durch die Wände. Die Tapeten verschwinden unter der hellgrauen wattigen Substanz, die aussieht, als sei sie mit Händen greifbar, und die sowohl Kälte als auch diesen undefinierbaren, leicht stechenden Geruch verströmt, der mir zu Anfang auffiel, den ich später jedoch kaum mehr bemerkte. Jetzt, da seine Quelle sich in unmittelbarer Nähe befindet, ist er intensiv und besitzt eine sowohl Psyche wie Atmungsorgane irritierende Wirkung. Mein Hals ist rau und wund, und jeder Atemzug fühlt sich an, als inhalierte ich feine Sandkörner, die wie Schmirgelpapier über die empfindlichen Schleimhäute streichen. Ich habe einen trockenen Husten entwickelt. (...)

Leseproben aus meinem Kinder-Fantasy-Roman Späterland: HIER und HIER klicken. 


Leseprobe aus meinem Urban-Fantasy-Roman Wandelseele: HIER klicken. Zur Online-Lesung geht es HIER.



Weitere literarische Kostproben folgen in Kürze.