JAJ

Julia A. Jorges

Leseproben

"Panta rhei – alles fließt" (Zwielicht Classic 17):

Des Druckgefühls auf meiner Brust gewahr werdend, drehte ich den Kopf aus seiner angespannten Position in die Mitte. Ich blickte in die fahlgrün leuchtenden Augen von Rufus.
   „Kater“, wisperte ich. Warum auch immer hatte ich mich nicht an den Namen gewöhnt, mit dem meine Eltern ihn riefen. Nicht dass es darauf gehört hätte. Wie er jeden Abend in mein Zimmer gelangte, war mir schleierhaft, denn ich hielt meine Tür stets geschlossen. Dass er seinen üblichen Platz am Fußende des Bettes aufgegeben hatte, um sich auf mir niederzulassen, gefiel mir nicht, ebenso wenig dieses durchdringende Starren, durch kein Blinzeln katzenhafter Freundschaft gemildert. Kein Schnurren vibrierte in seiner Kehle. Nicht Schmuselaune hatte ihn meine Nähe suchen lassen, etwas anderes musste der Grund sein.
   Ob es an dem hypnotischen Einfluss seiner Augen lag, an meiner Schlaftrunkenheit oder den Nachwirkungen meines Traums – ich lag still und wartete. Jäh wurde mir das bewusst, nur, worauf wartete ich? Vor dem Haus herrschte Stille. Wir wohnten in einer Nebenstraße, die nachts kaum frequentiert wurde. Jedoch lag in Hörweite eine größere Ampelkreuzung, von der für gewöhnlich das Geräusch anfahrender Autos mit einer gewissen Regelmäßigkeit herüberdrang. Davon war jetzt nichts zu hören, aber immerhin vernahm ich das beruhigende leise Brummen des Kühlschranks aus der Küche. Der Wind hatte seit dem Abend zugenommen und bewegte die Zweige des Ahorns, die über die Hauswand schabten. Bei Sturm klang es, als kratzten Riesen mit Krallenhänden über den Putz.  
   Hinter dem Fußende meines Bettes malte der ins Zimmer fallende Schein der Straßenbeleuchtung im Verein mit dem Mondlicht – Vollmond war erst zwei Tage vorüber und die Nacht sternenklar – Muster aus zitternden Schatten an die Wand. Streifen von der Jalousie, gemischt mit Flecken, Linien und Kringeln aus dem Gezweig des Baumes.  
   Ich atmete tief ein, beobachtete, wie der Kater dadurch angehoben wurde und wieder ein Stückchen absank, als ich die Luft aus meinen Lungen entließ, ohne sich daran zu stören. Mein Zimmer umgab mich, die vertrauten Laute unserer Wohnung, dennoch schien die Welt auf mich und das Katzentier geschrumpft. Ich fühlte mich zu träge, um Schrecken zu empfinden.
   Fast unmerklich veränderte sich das Muster an der Wand. Gerade Linien setzten sich gegenüber geschwungenen Formen durch, schmale Lichtbänder durchbrachen den Schatten. Je weiter die Veränderung fortschritt, umso mehr glich sich das Verhältnis von Hell und Dunkel an. Schwarze Streifen auf weißer Leinwand. Die Jalousie? Ich drehte den Kopf und fand die Lamellen geschlossen. Die Helligkeit hatte ihren Ursprung nicht außerhalb, entstammte der Wand selbst. Die verzerrte Schattenkontur des Fensters verschob sich, wurde zum regelmäßigen Viereck, das einen Großteil der Wand bedeckte. Silbrige, matt glänzend.
   Die geistige Taubheit wich, Angst erfüllte mich. Starr lag ich da, der Kater mit mir. Aus dem Bett springen – fliehen – konnte ich nicht, es kostete mich gewaltige Anstrengung, auch nur den Kopf zu wenden. Endlich gelang es mir. Da sah ich, dass das Muster überall war, an den Wänden, am Kleiderschrank, am Boden und an der Zimmerdecke, die sich unerwartet dicht über mir spannte.
   Der Kater verlagerte sein Gewicht auf meiner Brust, streckte eine rotbepelzte Pfote vor, legte sie auf die Kuhle zwischen Schlüsselbein und Halsansatz. Seine Augen, eben noch groß und starr, verschmälerten sich zum Blinzeln. Warum war er geblieben? Ich hegte  keinen Zweifel, dass er gespürt hatte, was vor sich ging, lange bevor ich es tat. Es hatte den Anschein, als wolle er mich begleiten auf meiner Reise.

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Horror-Kurzgeschichte "Symbiose" (PAN-Kurzgeschichte-des-Monats Juli 2022)

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Glutsommer, Mystery-Thriller, BLITZ-Verlag, Mai 2022:

Kapitel 1

Eigentlich, dachte Mona, während sie den leise dahinplätschernden Bachlauf entlangschritt, hatten sie beide einiges gemeinsam. So begradigt das ursprünglich wilde Bett der Raute, so geradlinig war mit den Jahren ihr Leben geraten.
   Wann genau sich der Rundgang – über Eckberg, der Raute folgend, durch die Felder, den Wald und zurück zu ihrer Wohnung in der Lilienfeldsiedlung – zur festen Gewohnheit gemausert hatte, wusste Mona nicht mehr und es interessierte sie auch nicht. Wichtig war nur, dass sie ihn zweimal täglich absolvierte, jeweils zwischen neun und elf Uhr, und dann noch einmal nachmittags von drei bis fünf. Er half, ihr inneres Gleichgewicht zu bewahren, das allein zählte.
   Nur während der zweimal zwei Stunden, in denen sie einen Fuß vor den anderen setzte, in ihren Wander­schuhen, die sie sommers wie winters trug (eine teure, aber lohnende Investition, zu der ihr Gerlind geraten hatte – die höheren Mächte mögen sie selig haben), erlaubte sie ihren Gedanken, ebenfalls umherzuschweifen. Daheim lief der Fernseher, musste laufen, und die huschenden Bilder und das Dauermurmeln der Stimmen lullten ihr Bewusstsein angenehm ein. Denn das Denken war eine zwiespältige Angelegenheit. Fing man einmal damit an, verselbstständigte sich der Ursprungsgedanke, fächerte sich auf, bildete Abzweigungen, die einander überkreuzten und um die Vorfahrt stritten. Manche führten in Sackgassen, manche spannen sich endlos weiter und andere – das waren die, die mitunter zur Qual wurden – bissen sich in den eigenen Schwanz wie Hunde und kreisten um sich selbst, bis Mona schwindlig wurde. Dagegen half das Fernsehen.
   Viele ihrer Gedanken befassten sich mit nicht-­greifbaren Dingen und einige mit dem Wetter, das zumeist wenig Bemerkenswertes an sich hatte. Das Wetter war wie es war, und meist war es mittelmäßig. Mehr oder weniger nass, kalt oder warm, ein bisschen Nebel und Wind, heiter bis wolkig. Natürlich gab es Ausreißer, aber die relativierten sich bald wieder. Seit einiger Zeit jedoch hatte das Wetter sein zuverlässiges Mittelmaß verlassen. Dem zugrunde lag eine Trockenphase, die bereits so lange anhielt, dass der Pegel der Raute stark abgesunken war. Der Feuergraben hinter dem Wehr, der sich noch im letzten Jahr als eigenständiger kleiner Bach präsentierte, führte schon lange kein Wasser mehr. Die Blauen und Grünen, sonst regelmäßig in den Ufer­bereichen der Raute zugegen, ließen sich kaum noch blicken. Mona rätselte, ob sie sich an andere, wasserreichere Orte zurückgezogen hatten, doch ihr fielen keine im nahen Umkreis ein. Allerdings wusste sie nicht, welche Wegstrecken die Kleinen zurückzulegen imstande waren und ob sie dies ausschließlich in ihrem angestammten Element taten oder sich auch trockenen Fußes fortbewegten. Über kurze Distanz war das sicher möglich, den Grünen sowieso. Wenn der Frühnebel über dem ­Renaturierungsgebiet hing, hatte Mona beide Arten dort tanzen sehen, im morastigen Überschwemmungsbereich der Raute.
   Die Orangefarbenen, Gelben und Roten nahmen dagegen Überhand. Überall auf den Feldern und Wiesen trieben sie sich herum und fügten die ausgetrocknete Auenlandschaft ihrem Besitz hinzu. Flink huschten sie hinter Grasbüschel und die breiten, knorrigen Stämme der Weiden, die das Wasser feldwärts säumten, doch Monas Augen waren scharf und ebenso flink und vermochten sie fast immer zu erfassen, bevor sie sich verbargen.
Eben wieder. In der geschwärzten Höhle, die ein Blitz in den stattlichen Baum geschlagen hatte, ohne ihn vollständig zu vernichten. Frisches Grün trieb aus mehreren Stellen unterhalb der schrecklichen Verwundung aus, und auch ein Teil der Äste stand noch im Saft. Die Wurzeln der Weide reichten tief genug, um sich ihren Anteil an Wasser zu verschaffen. Flüstern tönte aus dem hohlen Stamm und brach ab. Mona spitzte die Ohren. Am Klang der geraunten Worte war etwas, das sie stutzen ließ. Weiß, hörte sie, in der eigentümlichen Sprache der Kleinen, gehaucht in ehrfurchtsvollem Tonfall von einem und wie ein Echo von anderen weitergetragen. Weiß wird kommen. Mehr nicht, denn nun wussten sie, dass sie belauscht wurden. Wie schon viele Male zuvor fragte Mona sich, ob ihr die angedeuteten Geheimnisse mit Absicht verraten wurden oder ob ihre Zuhörerschaft dem Zufall entsprang. Letzteres wäre ihr lieber. Denn falls nicht, würde ihr damit eine Verantwortung aufgebürdet, die weit über die Sorge für ihre eigene Person ­hinausging, an der sie schon schwer genug trug, und das war nichts, was Mona sich für ihre verbleibenden Lebensjahre wünschte – Verantwortung für andere zu tragen. Womöglich für eine ganze Welt, die ihr nach all der Zeit immer noch so fremd war.

Kapitel 5 (Auszug)

Titus eilte ums Haus und stellte die Schüssel mit seiner Ausbeute in eine schattige Ecke des Carports, danach schaufelte er das Sandspielzeug aus dem Buggy und schob diesen am Auto vorbei. Bis zur Kita Eckberg waren es nur zehn Minuten Fußweg, und unter den gegebenen Umständen erschien ihm der Kinderwagen als das geeignetere Transportmittel. Zum Glück hatten sie ihn noch nicht weggegeben, obwohl Keno mit seinen vier Jahren schon etwas zu groß dafür war. Titus zog das Gefährt auf den Gehweg, rückte seine Sonnenbrille in Sehstärke zurecht und steuerte eiligen Schritts den nahegelegenen Feldweg an.
   Im gleißenden Sonnenlicht glich das Feld einem Backofen, über dem die Luft flimmerte. Eine Brise fuhr über die offene Landschaft, aber sie war trocken und heiß wie Wüstenwind und brachte keine Erleichterung. Winzige Staubkörnchen prickelten auf Titus’ Armen und Gesicht. Das Zirpen der Grillen verschmolz für Sekunden mit dem Summen der Hochspannungsleitungen, deren Trasse den Weg kreuzte, über dessen Schotterbett der leichte Buggy hüpfte. Hundert Meter voraus unterbrachen die Gleise der erst in jüngster Zeit verlängerten Straßenbahnlinie 4 den Weg, weitere hundert Meter dahinter begann schon ­Eckberg.

(...)

„Papa?“ Etwas in Kenos Stimme ließ Titus das Telefon­gespräch vergessen. Er blickte auf, immer noch blinzelnd, und rückte die hochgeschobene Brille an ihren Platz. Diesmal dauerte es eine Weile, bis er seinen Sohn entdeckte. Ein beträchtliches Stück vom Weg entfernt ragten Schultern und sein blonder Schopf aus dem Getreide. Keno hüpfte auf und ab. Jetzt hob er die Hand und wies auf den nächsten der in regelmäßigen ­Abständen gepflanzten Hochspannungsmasten jenseits der Straßenbahn­schienen. „Papa!“
   „Titus? Bist du noch da?“
   Titus antwortete nicht. Sein Sehvermögen hatte sich so weit geklärt, dass er erkannte, was Kenos Aufregung verursachte: Junikäfer. Ein Schwarm von beeindruckenden Ausmaßen, bestimmt doppelt so groß wie der gestern im Garten gesichtete. Was hatte der Artikel behauptet? Die Käfer flögen nur in den Abend- und Nachtstunden? Nun, diese hier waren auch mitten am Tag hellwach. Auch schwirrten sie nicht ziellos umher, sondern bildeten so etwas wie einen Formationsflug, einen nahezu perfekten Kreis. Ein faszinierendes Naturschauspiel, wert, ein Foto davon zu machen. „Bin gleich bei dir, Großer, warte!“, rief er hinüber zu seinem Sohn, der zum Glück gehorsam stehen geblieben war.
   Ohne den Blick von Keno und den Käfern zu wenden, murmelte Titus eine Entschuldigung in sein Smartphone und verabschiedete sich von Stefan. In dem kurzen Moment, den er brauchte, um die Kamerafunktion zu aktivieren, löste sich zu seinem Bedauern der Zusammenhang der Käferwolke auf und die Tiere stoben in alle Himmelsrichtungen davon, als habe sie jemand ­aufgescheucht. Keno? Aber der befand sich noch immer am selben Platz und winkte ihnen zum Abschied nach.
   Aber nein, das Winken galt einer Person. Jemand stand auf der anderen Seite des Gleisbetts. Der Schwarm musste sie bis eben verdeckt haben – die große, dünne Frau von vorhin, deren flachsblonde Strähnen und weißes Kleid im gleißenden Sonnenlicht ineinanderflossen. Auf dem Kopf trug sie eine Art Kranz. Unvermittelt fiel Titus die Wink-Szene von gestern ein, die für ihn unsichtbare Frau, und aus irgendeinem Grund fühlte er sich beunruhigt.
   „Keno! Komm jetzt her!“
   Keno hörte ihn nicht. Er stapfte durch das Getreide in Richtung der Frau und damit geradewegs auf die nahen Gleise zu.
   „Bleib stehen, Keno!“ Titus stopfte das Smartphone in die Hemdtasche und rannte am Rand des Rasen­gleises entlang, um Keno den Weg abzuschneiden. Aber der Junge war schneller. Ohne sich umzusehen oder auf Titus’ Rufe zu reagieren, lief er auf die Schienen. Die Frau gegenüber streckte ihm ihre Hände entgegen. „Keno!“ Seine Stimme bebte vor Angst um Keno und Zorn auf die Frau und ihr verantwortungsloses Verhalten.
   Diesmal hörte Keno ihn und drehte sich um. Im selben Moment durchschnitt das Klingeln der nahenden Tram die Luft. Erschrocken schlug Keno die Hände vor den Mund, als ihm klar wurde, in welcher Gefahr er schwebte. Aber statt vor- oder zurückzulaufen, blieb er wie erstarrt stehen. Da überwand die Frau mit einer schnellen, gleitenden Bewegung den Abstand zu Keno und ergriff ihn. Ebenso rasch und geschmeidig machte sie kehrt und zog ihn mit sich.
   Als sie das jenseitige Feld erreichte, blieb sie stehen und wandte sich um. Titus prallte zurück. Intuitiv hatte er eine junge Frau erwartet, nun erkannte er seinen Irrtum. Ein vertrockneter Kranz aus geflochtenen Ähren, darunter ein hageres Gesicht, durchzogen von tiefen Furchen. Fahle Haut, aus der ihn schwarze Augen anblickten, die wie im Schnee liegende Kiesel wirkten. Ein Schauder überlief Titus angesichts der Leere darin. Wie die Augen von Stofftieren. All diese Teddys, Hündchen und Häschen – trotz ihrer geballten Niedlichkeit konnte er sie nicht leiden, sie erinnerten ihn an etwas, dessen er sich nicht erinnern wollte. Ein Kälteschauer kroch über seine nackten Arme und rieselte den Rücken hinab. Für einen Moment war ihm, als könnte er durch den Körper der Alten das dahinterliegende Weizenfeld sehen. Abrupt kehrte sie ihm den Rücken zu und entfernte sich. Kenos bleiches Gesicht lugte über ihre Schulter, sein Mund aufgerissen zu einem lautlosen Schrei.

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"Im Bus" (Zwielicht 16):

„Morgen“, brumme ich, zeige meine Monatskarte.

Der Busfahrer ist jung und ich kenne ihn nicht. Umweht von seinem aufdringlichen Aftershave zwänge ich mich durch die Schranke. Der Geruch verleidet mir den gewohnten Sitzplatz hinter der Trennscheibe. Vielleicht soll er eine Fahne überdecken, immerhin hat gestern Deutschland gespielt und das Achtel verloren. Mich tangiert das nicht, ich interessiere mich nicht für Sport, weder welchen zu treiben noch als Zuschauer.

Routiniert scannt mein Blick den Bus. Im Viererplatz rechts sitzt ein alter Mann, eher schon ein Greis, er hält einen Gehstock und starrt in die anbrechende Dämmerung. Als ich vorbeigehe, hebt er den Kopf. Seine auf mich gerichteten Augen sind verschiedenfarbig und stechend, sie passen nicht zu der zerbrechlichen urgroßväterlichen Erscheinung.

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Rezension zu Zwielicht 12 und Auszug meiner Geschichte "Diese verfluchten kleinen Dinge" (2018): HIER klicken.

"Wo deine Schuld vergeben ist" erreichte 2018 beim Vincent Preis den 2. Platz unter mehr als 300 Kurzgeschichten, die im Vorjahr in den Bereichen Dunkle Phantastik und Horror erschienen waren. Im Fantasyguide kann man die komplette Story lesen.

Textauszug aus "Die Absonderung", in: Wenn die Welt klein wird und bedrohlich. Schreiben aus der Corona-Isolation, Blitz-Verlag, November 2020:

Am Freitag, den 20. März 2020 wurde ich unter häusliche Quarantäne gestellt. Frühlingsanfang, ein kalter, klarer Tag, der mies begann, indem mich ein Trottel in seiner SUV-Familienkutsche (zwei unbesetzte Kindersitze) in einen Auffahrunfall verwickelte, und passenderweise mit der Aussicht endete, für die nächsten zwei Wochen auf direkten Kontakt zu den lieben Mitmenschen zu verzichten. Infolge besagten Unfalls kam ich zu spät zum wöchentlichen Meeting, anschließend erfuhr ich, dass ein wichtiger Kunde abgesprungen war und mein Vorgesetzter indirekt mich dafür verantwortlich machte. Kurz vor Feierabend erreichte mich dann der Anruf einer Doktor Krause, die sich als Mitarbeiterin des örtlichen Gesundheitsamtes vorstellte. Auf dem Rückflug von meinem Termin in München Anfang der Woche hätte ich neben einer Person gesessen, die mit dem SARS-CoV-2-Erreger infiziert war, was meine sofortige Absonderung erforderlich machte. Auch sollte ich sämtliche engeren Kontakte für die dazwischenliegende Zeit auflisten. Mit dieser Hausaufgabe im Gepäck verabschiedete ich mich von Chef und Kollegen, die mich mitleidig bis misstrauisch musterten, sich wahrscheinlich fragend, ob ich sie angesteckt hätte. Falls ich denn krank war. (...)

Ich nickte ein, und als ich erwachte, herrschte beinahe nächtliche Dunkelheit im Wohnzimmer, dabei war es erst kurz nach sieben, wie die Anzeige des Nachrichtensenders verriet. Der Nebel, erinnerte ich mich. In dichten Schwaden drängte er gegen die noch vorhanglose Tür und das benachbarte, ebenso nackte Fenster. Ich raffte mich auf, ging hinüber und sah – nichts. Nichts als graue Nebelsuppe, durch die ich den Balkon nur mehr erahnen konnte, der wie der Bug eines Geisterschiffs ins Nebelmeer ragte. Ich öffnete die Tür und nahm einen merkwürdigen, leicht stechenden Geruch wahr, der mir das Horrorszenario eines Chemieunfalls vor Augen rief, und schnell schloss ich sie wieder. Vielleicht würde der lokale Radiosender etwas dazu bringen. Ich stellte das Gerät in der Küche an und beobachtete weiter den Nebel. Eine diffuse Wand, deren Vorläufer fetzengleich herantrieben und sich in den kahlen Zweigen der Birke und des Ahorns verfingen, die auf dem verwaisten Gemeinschaftsgarten wuchsen. Die Wipfel der hohen Fichten und Kiefern des angrenzenden Grundstücks hatte sie bereits verschlungen und kroch nun die dunklen Stämme hinunter, während Nebelfinger sich durch den Maschendrahtzaun und über den kurz geschorenen Rasen tasteten. (...)

3. April, morgens, HEUTE: Zwei Wochen in häuslicher Absonderung. Niemand ist gekommen. Sofort nach dem Aufwachen sehe ich, dass der Nebel das Wohnzimmer erreicht hat und den Fernseher umwabert. Die Tür zum Flur finde ich blockiert wie zuvor schon die Fenster, als ich, jede Vorschrift für null und nichtig erklärend, beschließe, mich mittels unverzüglicher Flucht aus der Wohnung in Sicherheit zu bringen. Irgendwann, es mag fünf Minuten her sein oder fünfzig, gebe ich das Rütteln an der Klinke auf, kehre zurück zu meiner Matratze und ergreife das Telefon. Rauschen und Knistern in der Leitung, als ich Doktor Krauses Nummer eintippe, wozu ich mehrere Anläufe brauche, nicht anders verhält es sich mit der Notrufnummer. Meine letzte Verbindung zur Außenwelt – gekappt. Das stumme Telefon entgleitet meinen Händen, voller Abscheu starre ich darauf, während ich mich fester in meine Bettdecke wickle. Die ganze Zeit über friere ich erbärmlich, wenn mir nicht gerade der Schweiß ausbricht. Die Flasche mit dem Gin ist längst geleert, dafür verspüre ich einen Druck auf der Blase, der mir ins Gedächtnis ruft, dass nun auch das Bad unerreichbar ist.

Aber das ist mein geringstes Problem. Von der Flurtür her quillt ebenfalls Nebel ins Zimmer, von allen Seiten rückt er heran, so als diffundiere er durch die Wände. Die Tapeten verschwinden unter der hellgrauen wattigen Substanz, die aussieht, als sei sie mit Händen greifbar, und die sowohl Kälte als auch diesen undefinierbaren, leicht stechenden Geruch verströmt, der mir zu Anfang auffiel, den ich später jedoch kaum mehr bemerkte. Jetzt, da seine Quelle sich in unmittelbarer Nähe befindet, ist er intensiv und besitzt eine sowohl Psyche wie Atmungsorgane irritierende Wirkung. Mein Hals ist rau und wund, und jeder Atemzug fühlt sich an, als inhalierte ich feine Sandkörner, die wie Schmirgelpapier über die empfindlichen Schleimhäute streichen. Ich habe einen trockenen Husten entwickelt. (...)

Leseproben aus meinem Kinder-Fantasy-Roman Späterland: HIER und HIER klicken. 

Leseprobe aus meinem Urban-Fantasy-Roman Wandelseele: HIER klicken. Zur Online-Lesung geht es HIER.


Weitere literarische Kostproben folgen in Kürze.